Dirk von Pezold verlässt nach 33 Jahren die große Bühne

22.01.2018 - Dirk von Pezold, Ehrenpräsident und Präsident des Aachener Karnevalsvereins (AKV) von 1997 bis 2003 , als Sinatra vom AKV bezeichnet und weit über Aachen hinaus bekannt als „Lennet Kann“, verabschiedet sich von der AKV-Fernsehsitzung. Als AKV-Präsident hatte er nicht nur stets das Wohl des Vereins im Auge, sondern auch die Entwicklung des Karnevals in seiner geliebten Heimatstadt Aachen. Helmut Koch nahm das närrische Jubiläum zum Anlass einen Rückblick auf 33 Jahre im Karneval und einen Ausblick auf die Zukunft des Brauchtums zu werfen.

Als Nachfolger von Georg Helg im Amt des AKV-Präsidenten bist Du eingetreten für die „Aachener Identität“ und die „emotionale Komponente“ des Karnevals. Beide Aspekte ziehen sich auch durch die Lieder, die Du vorträgst. Siehst Du im Aachener Karneval die Symbiose aus der „Aachener Identität“ und der „emotionalen Komponente“ erfüllt?

Dirk von Pezold: „Ich muss an dieser Stelle sagen, dass ich aus einer Zeit komme, wo man heute sagt: „Dat sönd au Lüü, die so sprechen.“ Es geht also um die 1960er Jahre, in denen ich als Schüler bei Schulfesten Büttenreden gehalten habe, bis hin zum Jahr 1969, als ich Karnevalsprinz war und alle Vereine, bei denen ich zu Besuch war, wichtig genommen habe. Ich habe mich vorher informiert wer Präsident des Vereins ist und habe auch in freier Rede Bezug auf die Geschichte des jeweiligen Vereins genommen. Für mich war daher Karneval immer die Verbindung von „Oecher Originalität“ und „Oecher Emotionalität“. Beide lassen sich nicht voneinander trennen. Dies findet man in den Oecher Karnevalsliedern, die man ursprünglich nur zur Karnevalszeit sang. Heute singt man Lieder zu Karneval, die man auch über das ganze Jahr hinaus hört und singen kann. Auch bei den After-Show-Partys im Karneval sind Oecher Karnevalslieder bei denen man aus vollem Herzen mitsingen kann kaum vertreten. Es ist mehr Ballermann als Oecher Liedgut zu hören."

Was ist am „Oecher Karneval“ spezifisch?

Dirk von Pezold: "Das Spezifische am „Ocher Karneval“ waren die drei tollen Tage, die sich im Wesentlichen draußen auf der Straße abspielten. Man zog kostümiert durch Aachen von Kneipe zu Kneipe, wobei es nicht in erster Linie ums Trinken ging, sondern darum, mit anderen Menschen zu feiern. Wenn man dagegen heute an Karneval durch die Straßen läuft, sieht man kaum einen Menschen der im Kostüm auf der Straße ist. Ausgenommen sind am Sonntag der Kinderzug und am Montag der Rosenmontagszug bei dem nur teilweise Zuschauer kostümiert sind. Spezifisch war auch der Kneipenkarneval den du in dieser Form heute nicht mehr findest. Dafür gibt es den Karneval im Zelt bzw. in den Zelten."

In Karnevalskreisen wirst Du liebevoll als Sinatra va Oche bezeichnet. Wie kam es zur Sänger-Karriere? Welchen besonderen Bezug hattest Du zu Jupp Schollen?

Dirk von Pezold: "Diese Geschichte ist sehr schnell erzählt. 1969 war ich Prinz Karneval. In dieser Zeit habe ich einen Menschen kennengelernt, den ich bis dahin noch nicht gut kannte. Es war Jupp Schollen, der oft bei Veranstaltungen, bei denen ich auftrat, vor mir auf der Bühne war. Er war die vorletzte Nummer und Prinz und Gefolge waren die letzte Nummer. Da wir immer bis zu unserem Auftritt warten mussten, sah ich diesen älteren Herren in seinem braunen Anzug, mit zu kurzen Ärmeln und zu kurzen Hosenbeinen, die Zimbel (de Flitsch) im Arm auf der Bühne stehen, seine Lieder vortragend. Mich faszinierte wie dieser Mann mit seinen Oecher Liedern das Publikum in seinen Bann nahm. Wir haben Jupp Schollen oft nach dem Auftritt mitgenommen oder ihn auch nach Hause gefahren. Ich war damals 26 Jahre alt. Später sprach mich Jupp Schollen an und meinte: „Du hast eine gute Stimme, hättest du nicht Lust diese Lieder zu singen.“ Dann starb Jupp Schollen und diese Figur, die er verkörpert hatte war drei Jahre lang weg. Als Julius Peters AKV-Präsident war kam von ihm 1984 die Anregung die Lieder zu singen. Ich habe immer gesagt, ich werde nie den Jupp Schollen imitieren, der war eine einmalige Erscheinung. Jemand kam dann auf die Idee den Lennet Kann zu machen und die Lieder von Jupp Schollen zu singen. Es ging dann damit los, dass mich Gitta Haller fit machte und mich über Lennet Kann und seine Eigenheiten unterrichtete. Bei meinem ersten Auftritt war ich eine Stunde lang im Stadttheater in der Maske."

Wann hattest Du in der Rolle des Lennet Kann den ersten Auftritt im Fernsehen?

Dirk von Pezold: "Das war im Jahr 1985 im Rahmen der Festsitzung des AKV. Zu dieser Zeit habe ich nur die Aachener Lieder gesungen. Als Student habe ich ab und zu in einer Studentenband mitgesungen. Es waren die Lieder der 1970er und 1980er Jahre. Bei einem Urlaub an der Nordsee habe ich 21 Lieder der damaligen Zeit auf Oecher Platt getextet. 10 oder 12 habe ich davon im Laufe der Zeit mal hier und mal da vorgetragen. Auf CD sind davon 17 Lieder. Das letzte neue Lied ist „Oche es schönn“. Es entstand für die Fernsehsitzung, war aber nur im Saal zu hören und nicht bei der Übertragung. Die Melodie ist „New York, New York“.

Der „Lennet Kann“ hat durch Deine Auftritte weit über Aachen hinaus Aufmerksamkeit erlangt. Nach jeder Übertragung der AKV-Festsitzung gehen Anfragen nach der CD ein. Wie erklärst Du Dir diese Begeisterung für ein Lied über ein regionales Original?

Dirk von Pezold: "Mir ist es schon passiert, dass mich bei einem Zwischenstopp in Dubai bei einem Flug nach Karatschi eine ältere Dame ansprach und mich fragte ob ich der Lennet Kann aus Aachen sei. Woher kam dass? Es war in einer Zeit, wo auch in Mainz eine solche Figur, der Dachdecker Ernst Neger auftrat. Lennet Kann und der Mainzer Dachdecker waren Figuren, die prägten sich bei den Leuten ein."

Wenn am 27. Januar die Festsitzung des AKV stattfindet, bist Du diesmal mit dem „Lennet Kann“ zum letzten Mal dabei. Ist Dir die Entscheidung schwer gefallen?

Dirk von Pezold: "Diese Entscheidung ist mir eigentlich nicht schwer gefallen. In den letzten Jahren ist zuerst meiner Frau aufgefallen, dass ich vor den Auftritten im Eurogress zunehmend nervöser wurde. Hinzu kommt, dass ich über viele Jahre Funktionen im AKV, vom Elferrat über das Amt des Vizepräsidenten und Präsidenten inne hatte und stets eine große Liebe zum Karneval hatte. Nach wie vor hänge ich an meinem Verein, dem AKV. Diese Liebe wird immer da sein. Wie schon erwähnt, hat sich im Karneval viel grundlegend verändert mit der Folge, dass es immer schwerer wird diese Liebe zu zeigen. Es ist der Verlust der Substanz des Karnevals die ich immer so geschätzt habe. Es geht die tiefe Emotionalität verloren. Für mich war Fastelovvend wirklich die 5. Jahreszeit, die mir geholfen hat einen Ausgleich zum anstrengenden Beruf zu finden und Dinge zu tun und locker zu sein, was man sonst nicht tun kann."

Niemals geht man so ganz. Den Karneval, der Dir immer am Herzen liegt, wirst Du auch künftig beobachten. Der rheinische Karneval hat es zum Kulturerbe gebracht. Wie beurteilst Du die Entwicklung des Brauchtumskarnevals?

Dirk von Pezold: "Der Karneval hat die gleichen Probleme wie jedes andere Brauchtum. Das Brauchtum Karneval muss an kommende Generation weiter gegeben werden. Dazu gehört zum Beispiel dass man die Lieder in der Heimatsprache, in Oecher Platt, gemeinsam singt, diese Heimatsprache pflegt und so ebenfalls weiter trägt. Dazu gehört auch ein gewisser Stolz auf Sprache und Liedgut. Diese Aufgabe müssen zuallererst die Eltern übernehmen. Wenn man nach Köln sieht, dort ist natürlich alles mehrfach größer als in Aachen, aber dort wird viel Wert auf Tradition und Kölsches Platt gelegt. So etwas fehlt bei uns. Dabei kann die Sprache, das Platt, das Herz viel besser ausdrücken. Der Dreiklang aus Sprache Tradition und Brauchtum hat es in Aachen schwerer als in anderen Städten. Damit verlieren wir einen Teil unserer Kultur."

Was ist zu tun?

Dirk von Pezold: "Nun, zunächst müsste man eine Bestandsaufnahme machen und sich fragen was im Augenblick passiert. Man müsste dann analysieren welche Entwicklungen sind förderlich, positiv, und welche sind negativ. Der Verlust des Kneipen- und Straßenkarnevals zu Gunsten des Karnevals in den Zelten macht den Karneval für die breite Öffentlichkeit unsichtbar. Auch die Tendenz zu immer mehr Partykarneval macht das Brauchtumsfest immer beliebiger und ersetzbar. Der Karneval muss vorgelebt werden und zwar im Kostüm. Man könnte Ansätze finden wenn man die Akteure vom Oecher Platt, vom Karneval und auch von der Puppenbühne an einen Tisch bringen würde. Auch der Pfarrkarneval ist noch eine Keimzelle des ursprünglichen Karnevals."

Müssen wir nun alle traurig sein darüber, dass wir Dirk von Pezold als Lennet Kann nicht mehr sehen werden oder können wir hoffen Dich hier oder dort noch einmal auf einer Bühne zu erleben?

Dirk von Pezold: "Ich möchte mich dem Stress der Fernsehsitzung mit mehreren Proben nicht mehr aussetzen. Ich werde in Aachen immer parat sein, wenn das Schängchen kommt und meinen Auftritt wünscht. Auch für den Öcher Platt Verein und für Altenheime bin ich immer gerne aktiv."



Das Interview führte Helmut Koch.



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